Mit Fremden ins Gespräch kommen

Mit Fremden ins Gespräch kommen

Wenn einem im Lockdown mal die Decke auf den Kopf fällt, muss man sich etwas einfallen lassen. Wie an diesem tristen Februartag: Ich zog los. Diesmal aber nicht, um Bilder zu machen. Sondern um mit Fremden über eines meiner Bilder zu reden. Eine spannende kleine Reise an den Flughafen.

Wir alle sind getrofffen vom Lockdown. Wirtschaftlich ist Covid19 für viele Selbständige, Künstler, Dienstleister und Freiberufler eine Katastrophe. Sie kämpfen um ihre Existenz. Ich hatte bisher Glück. Habe aus der Not eine Tugend und den Lockdown zum Thema meiner Arbeit gemacht. Vom Erfolg meines Fotobuchs LOCKDOWN bin ich, ehrlich gestanden, selbst etwas überrascht.

Zurück an einem Ort der Leere

Die Fotos aus dem Buch gibt es nun auch als Fotokarten und Poster. Der Hit dieser Fotoserie ist das Bild der geparkten Jets auf dem Dübendorfer Flugplatz. Und weil es zur Zeit Tage gibt, an denen nicht viel passiert und mir der Kontakt zu den Menschen fehlt, komme ich auf eine Idee. Ich könnte das tun, was jetzt kaum noch jemand tut: Mit Fremden ins Gespräch kommen. Als beschliesse ich, an die Orte meiner Bilder zu fahren.

Aus dem Krieg in die Schweiz

Als erstes geht’s an den Flughafen Zürich. Im Gepäck nur meine Kamera und eine Handvoll Fotokarten. Fast alleine stehe ich im Terminal 2 in der riesigen Halle vor der Passkontrolle. Ohne Menschen erscheint sie noch riesiger. Hie und da schlendert jemand vorbei. Ich halte eine Fotokarte in den Händen.

«Darf ich Sie was fragen?», gehe ich auf Saleh zu. Der 39-Jährige arbeite als Lagerist für Valora und beliefert die K-Kioske am Flughafen. Ich zeige ihm das Foto mit den Jets und frage: «An was denken Sie, wenn Sie dieses Foto sehen?»

Zu meiner Überraschung sagt er: «Es löst ein Heimatgefühl bei mir aus.» Saleh kam vor sechs Jahren aus dem Kriegsland Yemen in die Schweiz. In fliessendem Deutsch erzählt er, wie sehr ihn der Patriotismus hier beeindruckt.

In meinem Land herrscht grosse Not. Hier funktioniert auch in der Krise alles. Doch er sagt auch, wie sehr in die Leere manchmal bedrücke. «Mir fehlen die Menschen, das geschäftige Leben am Flughafen.» Er freut sich sehr, als ich ihm zum Abschied die Fotokarte mit Kuvert schenke.

Die Chefs von tausend Lichtern

Zwei Flughafenangestellte kommen vorbei auf dem Weg zur Kantine. Sie sind auf Kurzarbeit gesetzt. Etwa drei Tage pro Woche arbeiten sie noch. Sie sind für die Beleuchtung zuständig, für tausende Led-Lampen.

«Alles dauert länger, die Lieferketten für Ersatzteile sind teilweise unterbrochen», sagt einer. Er seufzt. Irgendwie komme man schon durch, aber es sei zwischendurch einfach nur trostlos. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als ich ihm die Fotokarte überreiche.

Chatten mit der Oma

Dann kommt Haru. Sie arbeitet im Check-in und am Gate. Jetzt hat sie Mittagspause. Als ich ihr das Foto zeige, ist sie betroffen. «Ja, das zeigt die ganze Misere, wie traurig», sagt sie. «Da blutet einem das Herz.»

Haru ist halb Schweizerin, halb Japanerin. Sie ist mit einem Peruaner verheiratet. Eine multinationale Familie, die in der Welt zuhause ist. Jetzt kann niemand mehr fliegen. Mit ihrer 101-jährigen Oma in Japan kann sie nur noch einmal in der Woche online reden.

Als ich ihr das Bild schenke, sagt sie: «Das wird meine Kinder freuen. Wir waren im März 2020 zusammen in Dübendorf und haben uns die geparkten Jets angeschaut.»

Fliegen in die Ausgangssperre

Ein türkische Familie schlendert in Richtung Passkontrolle. Die Mutter fliegt eine Woche in die Türkei auf Familienbesuch. «Sie kann nicht viel dort tun» sagt ihr Sohn. «Dort ist übers Wochenende Ausgangssperre.»

Aber die Familie sei ja da, das zähle. Interessiert schaut er das Foto an und nimmt es dankend an. Ja, das habe er schon gesehen, die geparkten Jets. «Was für ein Drama für die Airlines. Das tut mir echt leid.»

Auch den Ordnungshütern gefällts

Auch die junge Polizistin und ihr Kollege bleiben stehen. Sie haben nicht viel zu tun in diesen Wochen im Februar. «Eine coole Idee, die Interviews mit dem Foto», sagt der Polizist. Beide freuen sich über das Foto-Geschenk.

Doch ein Mahnung gibt’s dennoch: «Das nächste Mal holen Sie sich bitte eine Bewilligung, bevor Sie am Flughafen fotografieren und Interviews machen.» Alles klar, sage ich artig und wir lächeln zum Abschied.

Jeder macht seinen Job. Als ich wieder nach Hause fahre, gings mir richtig gut. Wie schön es ist, mit den Menschen zu reden! Reden über den tristen Alltag. Reden über Bilder, die bleiben.

 

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